Bei der Fashion Week in Berlin habe ich die führende deutsche Modedesignerin Anja Gockel kurz vor ihrer gefeierten Show im Hotel Adlon am Brandenburger Tor interviewt. 

Ich habe mit ihr über die politische Aussage ihrer Mode gesprochen, übers Muttersein und Älterwerden, über das Geheimnis einer erfolgreichen Geschäftsfrau und natürlich darüber, was eine Frau unbedingt in ihrer Garderobe haben sollte!

Diese Frau kann so schnell nichts umhauen, denn sie ist völlig geerdet im Hier und Jetzt. Um sie herum tobt ein Sturm von aufgeregten Influencern, Fotografen, Bloggern, Journalisten – alle wollen noch schnell ein Interview mit ihr, bevor die Show los geht.

Und Anja Gockel? Steht mittendrin wie ein Fels in der Brandung und lächelt. Für jeden nimmt sie sich Zeit, beantwortet geduldig alle Fragen, posiert für Selfies und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Noch fünf Minuten, bevor die Models über den Laufsteg in der Lobby des altehrwürdigen Hotel Adlon schreiten sollen. Alle Plätze sind besetzt, jede Menge Promis sitzen in der Front Row – unter anderem Moderatorin Bettina Cramer, die kommissarische SPD-Chefin Malu Dreyer und Berlins Hipster-Opa Günther Krabbenhöft, der sich sonst durch den DEKA-TV-Spot tanzt.

Drumherum stehen viele Zuschauer in dritter und vierter Reihe, die Empore in der ersten Etage wird von Kamera-Teams belagert. Das PR-Team scharrt mit den Füßen, aber Anja Gockel bleibt entspannt. Nur noch vier Minuten bis zur Show – jetzt bin ich an der Reihe. Ich frage die Designerin des Jahres als erstes, wie sie in so einer Situation so ruhig bleiben kann.

„Ich liebe es, wenn viele Dinge zusammenkommen…“, antwortet sie. Als Mutter von vier Kindern eine gute Eigenschaft, finde ich. „Genau“, sagt Frau Gockel. „Ich sage ja immer: Frauen, kriegt so viele Kinder, wie Ihr mögt, Ihr werdet nur besser dadurch!“

Und wie hilft Ihre Mode den Frauen, besser zu werden?

„Mein großes Ziel ist es, mit jedem Teil meiner Kollektion das Charisma der Frauen zum Leuchten zu bringen, weil ich glaube, wir Frauen brauchen ein bisschen Unterstützung, obwohl wir so stark sind. Und dafür ist Kleidung perfekt geeignet, denn sie kann uns sichtbar machen. Und durch diese Sichtbarkeit können wir dann unsere Inhalte durchsetzen. Man hat wissenschaftlich herausgefunden, egal welchen Vortrag wir halten – über Biologie, Chemie, Physik oder was auch immer – 85 % unseres Auftretens hängen von unserem Äußeren, unserer Gestik und unserer Kleidung ab.

 

Insofern sollten wir niemals den Fehler begehen und denken: Ich habe mich super vorbereitet, aber es ist egal, was ich anziehe. Die Kleidung kann uns helfen, Flügel auszubreiten, auf denen wir dann fliegen können!

 

Ich finde, wir sollten in der Gesellschaft versuchen, dieses Image zu ändern, dass wir eine Größe 34 haben – und immer glatt im Gesicht sein sollten. Es ist viel wichtiger, dass wir eine Liebe zu unseren Falten entwickeln, die wir im Laufe der Jahre bekommen, weil sie so viel von unserem Leben zeigen und wenn wir die einfach wegspritzen, dann spritzen wir unser Leben weg. Deshalb arbeite ich eher daran – mit 51 und als Mutter von vier Kindern – dass das alles so in Ordnung ist. Und wenn wir mehr mutige Frauen haben, die das auch zeigen, dann sind wir viel relaxter und können uns viel mehr auf die Inhalte konzentrieren.“

Und um Inhalte geht es der Mainzer Designerin auf jeden Fall, denn:
Anja Gockel will Frauen sichtbar machen, damit die Welt friedlicher wird.

„Sichtbar zu sein, ist für Frauen wichtig, um Männern, die immer wieder Kriege anzetteln, deutlich zu machen, dass die Hälfte der Welt weiblich ist und voller friedlicher Energie.“

Als Soundtrack für ihre Show hat sie deshalb ganz bewusst „Women of the World Unite“ gewählt, das neue Album der israelischen Sängerin Yael Deckelbaum, mit Millionen Aufrufen auf Youtube längst ein Star. Entdeckt hat Anja Gockel die Sängerin bei einem Aufenthalt in Tel Aviv: „Yael Deckelbaum ist für mich das Symbol von einer mutigen Frau, die 2016 einen riesen Friedensmarsch in Israel angeführt hat mit jüdischen, christlichen und muslimischen Frauen. Sie hat ihr Leben dafür riskiert, um ein Bild für Freiheit zu schaffen. Und dieses Bild möchte ich in meine Kollektion überführen. Wir sind uns hier unserer Freiheit so sicher, aber wir sehen an unseren europäischen Partnern, dass diese Freiheit sehr schnell sehr gefährdet ist und deshalb müssen wir jetzt aufwachen, um uns in Stellung zu bringen und sie zu verteidigen.“

Mutige Frauen gibt es bei der Anja Gockel-Show übrigens so einige. Allen voran Schauspielerin ChrisTine Urspruch („Das Sams“, „Tatort“), die bei dieser Show als erste über den Laufsteg schreitet. Mit ihren 1,32 m (plus vier bis fünf Zentimeter hohe Blockabsätze) ist sie viel beeindruckender als alle 1,80 Models zusammen. 

Später unterhalten wir uns im Showroom zusammen mit der kommissarischen SPD-Chefin Malu Dreyer und ChrisTine Urspruch verrät, dass sie sich auf dem Laufsteg super wohl gefühlt – und es total genossen hat, mal als Model im Mittelpunkt zu stehen. Ich finde sie super! Super ist natürlich auch, wenn sich eine Frau seit 23 Jahren in einem knallharten Business an der Spitze halten kann – so wie Anja Gockel. Sie hat eine Modenschau für die Queen und für Germany’s next Topmodel inszenziert, ist 2018 Botschafterin für Design, Mode und Kultur geworden und wurde 2019 von der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz als innovative Unternehmerpersönlichkeit mit internationaler Ausstrahlung ausgezeichnet.

Ich frage die Designerin, wie sie das geschafft hat.

Das Geheimnis einer erfolgreichen Unternehmerin ist für mich, dass sie mit beiden Füßen zu jeder Zeit auf dem Boden bleibt, nie arrogant wird und glaubt, sie könnte alles. Und durch diese Erdung kann sie dann so frei sein und so flexibel, um sich auf die Neuheiten dieser Welt – die wir aufgrund der Digitalisierung immer schneller entdecken werden – einzustellen und gesund mitzumachen.“

Apropos Neuheiten dieser Welt. Nebenbei geht es ja auch noch um Mode. Also frage ich: Was brauchen wir in unserer Businessgarderobe in der kommenden Saison?

Was alle Frauen brauchen: ein powervolles Kleid. Ein Kleid, das mich unterstützt – sei es in der Farbe, sei es in der Bewegung oder in der Form. Wir brauchen Kleider, die uns Sichtbarkeit verleihen.“

Und solche Kleider gibt’s jetzt in der Show. Es wird wirklich Zeit. Die Front Row wird unruhig, Hipster-Opa Günther Krabbenhöft zappelt schon nervös mit den Füßen. Ich bedanke mich bei Anja Gockel für das Interview, noch schnell ein Foto und dann rennt sie mit großen Schritten in die Lobby, kündigt sich ganz unprätentiös mal eben selbst an und dann ziehen ihre Models mit wehenden Fahnen ein. Ein modisches Manifest. „Vote For Alice“ steht drauf, das Motto ihrer Sommerkollektion 2020. Anja Gockel will uns mit ihren Kreationen in die Welt der kindlichen Fantasien entführen, wie bei Alice im Wunderland. Zauberhafte weite Kleider – auch für Frauen jenseits der Größe 34 geeignet – fröhliche bunte Blusen, pinkfarbene Anzüge und glitzernde Röcke, die uns zum Hingucker und damit so was von sichtbar machen.

Kameras sausen an Seilen über den Köpfen der Zuschauer hin und her, die Fotografen sorgen für Blitzlichtgewitter, das Publikum applaudiert begeistert, Yael Deckelbaum tanzt mit nackten Füßen an einem imaginären Strand, ihre wunderbare Stimme umschließt uns wie kraftvolle Wellen – und Anja Gockel?

Steht am Rande des Laufstegs wie ein Fels in der Brandung. Gelassen, glücklich, geerdet. Eine erwachsen gewordene Alice im Wunderland, die dafür sorgt, dass diese Welt ein ganzes Stück friedlicher, bunter und zauberhafter wird.

Sie möchten mehr über Anja Gockel erfahren? Dann schauen Sie auf diesen Webseiten vorbei oder folgen Sie diesen Social Media Kanälen: 

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